Monika Wrzosek-Müller
Eine Fotoausstellung
Plötzlich häufen sich die deutsch-polnische Veranstaltungen; hoch und heilig wurde uns versprochen: Das Denkmal für die polnischen Opfer des Zweiten Weltkrieges und die Opfer der deutschen Besatzung in Polen 1939-1945 soll nun bald entstehen, nach immerhin 80 Jahren.
Doch auch andere deutsch-polnische Zusammenkünfte und Initiativen blühen geradezu; es wird tüchtig über die Identitäten, kollektives Bewusstsein, Erinnerungskultur etc. diskutiert. Zusammen mit einer Gruppe von Schreibenden habe ich mir die Ausstellung „Ostgebiete – Ziemie Zachodnie, Eine deutsch-polnische Spurensuche, Polskie i niemieckie ślady pamięci“ im Dokumentationszentrum Flucht, Vertreibung, Versöhnung angesehen. Es ist eine gute Fotoausstellung, die wie ein Dialog in Fotos zwischen den deutschen und polnischen Fotograf*innen funktioniert. Die jeweiligen Perspektiven könnten nicht unterschiedlicher sein. Zu meiner Zeit in Warszawa sprach man von „wiedergewonnenen Gebieten“, auf der deutschen Seite von verlorenen, ehemaligen deutschen Ostgebieten. Beide Bezeichnungen waren nicht neutral, konnten nicht neutral sein, wurden politisch immer wieder aufgeladen. Und doch ist diese Verschiebung der Grenzen nach dem Krieg passiert, Zigtausende von Menschen wurden umgesiedelt. Sie blieben jahrzehntelang entwurzelt, fremd und neu, und das auf beiden Seiten. Wohl gemerkt, die Polen hatten daran wirklich überhaupt keine Schuld und trotzdem mussten sie sich nach dem schrecklichen Krieg dem Diktat der Grenzverschiebungen beugen und unterordnen.
Es ist gut, diese Themen so unaufgeregt wie möglich anzugehen, sie zu dokumentieren, den Prozess der Annäherung an die veränderte Wirklichkeit, auch der persönlichen, privaten, fast intimen zu zeigen. Was bedeutet das, welche Bilder sind damit verbunden, welche Bilder haben wir im Kopf, wenn wir darüber reflektieren? Wie fühlt sich das an? Ist inzwischen das meiste überwunden: die Trauer, die Fremdheit, die Wut? Und noch eine wichtige Frage: was bleibt, wie soll man mit diesem Erbe der schweren Geschichte umgehen?
Als Kind besuchte ich meine Mutter in Lądek Zdrój (früher Bad Landek), sie war dort zur Kur im Sanatorium und meine Schwester, unsere Tante und ich fuhren dorthin, um sie zu sehen, und wir wurden privat untergebracht. Das muss Ende der 60er Jahre gewesen sein. Wir wohnten in einer alten, für die damaligen, sogar für Warschauer Verhältnisse, imposanten Villa und die ganze Atmosphäre war für mich seltsam, fremd und gruselig. In der Küche wie auch im Bad hingen Leinentücher mit auf Deutsch gestickten Sprüchen, manche in blauen Kreuzstichen, die anderen in roten; ich verstand sie nicht und keiner der Bewohner des Hauses konnte sie mir übersetzen. Niemand sprach auch darüber, wie die Situation zustande gekommen war. Sie nutzten das alles, waren durchaus froh darüber, das alles zu haben, das äußerten sie laut, aber mir schienen sie völlig verloren und fremd in diesem total durchmöblierten Haus, mit riesigen Betten und Schränken im Schlafzimmer und einer voll eingerichteten Küche, deren Utensilien sehr ausgesucht und den Bewohnern oft unbekannt waren.
Die Fotos der Ausstellung beschäftigen sich nach ca. 60 Jahren auch mit diesen Fragen. Natürlich sind die Spuren jetzt viel stärker verwischt, sie würden nicht mehr so ins Kindesauge stechen. Die neun Künstler aus beiden Ländern gehen das Thema sehr subjektiv und spontan an. So sind die Schwerpunkte der Fotografien sehr verschieden; sie reichen von wunderbaren Landschaften, die in einem Fall, soviel ich mich erinnere, dieselben Landschaften jetzt zeigen sollen, die sich auf den alten, auf dem Dachboden gefundenen Fotos, abgebildet fanden. Der Künstler geht so weit, dass er exakt dieselbe Einstellung, denselben Bildausschnitt wählt. Manchmal fehlt ein Häuschen, oder die Bäume sind größer. Es gibt viele Porträtfotos, auch Gegenstände des täglichen Lebens gehören zu den oft fotografierten Objekten: Porzellan, Einweckgläser, getrocknete Pilze in Kränzen hängend, aber auch ganz einfache Einrichtungsgegenstände. Immer steht dahinter eine Geschichte, eine Erzählung, manchmal über die trotz allem Gebliebenen, manchmal über die Geflüchteten, über Leerstellen in ihren Lebensgeschichten, über das Verschweigen, auf jeden Fall über die Stille der Orte, aber auch die mit neuem Leben erfüllten alten Objekten.
Ein Projekt ist mir in diesem Zusammenhang im Gedächtnis geblieben. Irgendwie zentral in der Ausstellung steht eine rechteckige, dicke Säule, die von allen Seiten mit hunderten von Fotos beklebt ist. Es sind Aufnahmen der alten Denkmäler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, die sich im Gebiet um die Stadt Oława [Ohlau] befinden. Der Fotograf wollte für sich die verschwiegenen Begriffe wieder aufwecken: „poniemieckie“ [nachdeutsch] und vielleicht das weitere Schicksal der Reste/Überbleibsel nachverfolgen; die Kriegerdenkmäler konnten ja bewahrt, verändert oder ganz zerstört worden oder vollständig verschwunden sein. Angeblich sind es mehr als 700 Fotos und es kommen immer wieder neue dazu. Interessant ist die Umwidmung mancher dieser Denkmäler in katholische Marienkapellen. Wenn ich länger nachdenke, stimmt es das mit meiner Wahrnehmung überein, dass nach dem Ersten Weltkrieg ungeheuer viele Gedenksteine oder Denkmäler entstanden sind. Meistens finden sie sich unweit der Kirche auf dem Hauptplatz eines Dorfes oder Städtchens.
Die Sequenz „Zur Hoffnung“ zeigt den Versuch, sich dem Geburtsort des Vaters zu nähern, ihn für sich zu erleben. Es existiert eigentlich kaum etwas, worauf man aufbauen kann, weder alte Fotos noch Andenken, doch an Ort und Stelle entsteht ein Bild, so könnte es sein, gewesen sein. Alles existiert nebeneinander, die Erinnerung und die Realität, manchmal kommen sie zusammen, meistens erzählt man sich eine neue Geschichte.
„Mind of Winter“ soll sich mit den alten Bildern, die in keinem Verhältnis zur Wirklichkeit stehen, beschäftigen. Erst aus der Perspektive der eigenen Migration kann die Künstlerin erkennen, wie kompliziert und verwoben die Geschicke der Länder, die Geschichten der Menschen, die da drin vorkommen, sind. Gibt es noch Menschen mit einer eindeutigen Geschichte, mit einheitlichen Bildern im Kopf, mit einer Zugehörigkeit zu Land, Landschaft, Menschen? Die Fotos zeigen, wie neue Anfänge entstehen und neue Biografien geschrieben werden.
Der Fluss Oder trägt vieles, hat vieles gesehen und ist aber ständig in Bewegung. Viele der Fotos kreisen um den Fluss und seine Landschaften und Geschichten auf beiden Seiten des Flusses, um die Brücken und die Leerstellen, um die nicht zu Ende erzählten Geschichten.
Anschließend sollten wir für uns ein Projekt aussuchen, das uns besonders angesprochen hat, dann eines der Fotos ganz sachlich beschreiben, danach aber benennen, was uns dabei berührt hat: unsere Emotionen, Gefühle festhalten, schließlich dem Grund nachspüren, warum gerade dieses Foto, diese Geschichte, uns angesprochen hat.
Mich haben die Fotos aus Lemberg/Lwów/Lviv angezogen: „I Have Nothing from Lviv“, auch das, was die polnische Fotografin dazu schreibt: „Das Thema der Umsiedlung kreist in meinem Blut. Seit ich klein war, wusste ich, dass meine Familie nicht ganz nach Schlesien gehört – wir kennen den Dialekt nicht und statt der Kohlrouladen mit schlesischen Nudeln gab es bei uns meistens Tomatensuppe mit Reis und einer gehörigen Portion saurer Sahne dazu. In den Regalen mit den von meiner Oma gelesenen Romanen taucht ständig die Stadt Lwów auf. Als ich selbst aus der Stadt meiner Familie wegzog, fing ich an, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit zu verstehen, und konzentrierte mich in meiner künstlerischen Arbeit auf dieses Thema. Alles, woran ich gearbeitet habe, auch die Gespräche mit meiner Oma, haben zu der Idee einer gemeinsamen Reise zum Ort ihrer Kindheit geführt, zu dem sie jahrzehntelang nicht gekehrt war.“
Eines der Fotos zeigt einen orangenen, abgewrackten Bus. Es ist Sommer und die Menschen im Bus sind sehr leicht angezogen, junge Frauen tragen Sommerkleider mit Spaghettiträgern. Im Hintergrund sieht man etwas bröckelnden Fassaden alter Bürgerhäuser, es ist Abend und die Laternen werfen ein sehr gelbes, warmes Licht. Trotzdem weht ein Hauch von Nostalgie, von Sehnsucht durch das Bild, vielleicht erzeugt durch das gelbe Licht.
Andere Aufnahmen zeigen eine ältere, einsame Frau. Auf einem Foto hält jemand (das Gesicht ist hinter den Papieren verborgen) die Evakuierungsdokumente in der Hand. Die ältere Frau ist auch in einer Unterführung allein, sie steht vor einer in weiß-grau gekachelten Wand, sieht sehr unsicher und verlassen aus.
Ich spüre Melancholie, Leere und Traurigkeit in mir aufsteigen, auch andere Fotos verstärken diese Gefühle: eine zerknitterte Plastiktüte, vom Wind getragen, auf einer löchrigen asphaltierten Straße, ein leeres altes Notizbuch. Auch die Aufnahmen der heruntergekommenen Straßen mit ukrainischen Aufschriften in Kyrillisch, erzeugen bei mir Beklemmung und Ratlosigkeit. Alles erinnert mich an meine Reise nach Lwów/ Lviv vor ca. zehn Jahren und an die Suche nach den Spuren der Vergangenheit, nach den Spuren meiner Familie, nach dem Haus, in dem meine Mutter gewohnt hat, bis sie nach Kasachstan/ Semipalatinsk deportiert wurde. Auch meine Familie hat versucht, etwas zurückzubekommen, und dann aufgegeben. Auch für mich gilt der Titel der kleinen Sequenz: „I Have Nothing from Lviv“; auch wenn ich an meinem Finger den einzigen gebliebenen Ring, den Ehering meiner Oma, trage.









